DAS VERSPRECHEN EINES LEBENS

Vor einigen Tagen habe ich mich entschieden mehr über mein Leben zu erzählen und da kam die Blogger Aktion zum Film DAS VERSPRECHEN EINES LEBENS genau richtig.
Welche Reise hat dich geprägt? Wie hat sie deine Sichtweisen verändert? Was hast du erlebt? – mit diesen Fragen sollten sich die teilnehmenden Blogger beschäftigen. Es sind Fragen, die nachdenklich machen und alte Erinnerungen wieder hervorbringen.

Mein Name ist Miguel Edgardo Riveros Silva und wie ihr gemerkt habt, das ist kein deutscher Name. Ich bin in Chile (Südamerika) geboren und seit dem Jahr 1981 lebe ich in Deutschland. Die Reise damals hat mein ganzes Leben geprägt. Damals war ich vier Jahre alt und gemeinsam mit meiner Mutter flohen wir nach Deutschland. In Chile regierte ein sehr böser Mann, sozusagen der Hitler Südamerikas. Mit seiner Armee und Geheimpolizei folterte, mordete und quälte er jahrelang Menschen. Bis heute zählt die Pinochet Diktatur zu den schlimmsten Diktaturen der Welt.

Mein Vater, Hugo Riveros Gomez, war ein junger Künstler und war im Kampf gegen Pinochet aktiv tätig. Er half in den Slums, den armen Menschen und kämpfte auf der Straße für das Gute und den Frieden. Für viele Menschen in Chile wurde er ein Vorbild und nachdem er sogar durch seine Kunst im Ausland Gehör fand, wurde er eine große Bedrohung für die damalige Regierung. Mein Vater wurde gejagt, mehrmals verhaftet und musste die schlimmsten Foltermethoden ertragen. Doch das schlimmste für ihn war die Angst um meine Mutter und mich. Wir lebten immer in großer Gefahr und meine Kindheit verbrachte ich zwischen Freiheitskämpfern und Künstlern. Mein Leben kann man mit den Leben von den Brüdern aus SUPERNATURAL und John Connor aus TERMINATOR 2 vergleichen. Meinen vierten Geburtstag feierten wir im Gefängnis mit den Kindern der anderen Häftlinge.

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Im Jahre 1981 wurde mein Vater ermordet, weil er einmal während der Folter durch seine Augenbinde die Gesichter der Geheimagenten sehen konnte und da er malen konnte, diese Gesichter in seinen Bildern versteckt einbaute. Bilder, Fotos, Dateien etc. kann man zerstören oder löschen, doch Gedanken sind nicht so einfach zu zerstören. Die Geheimpolizei fand das heraus und entschied meinen Vater zu töten, denn nur so konnte man sein Wissen für immer vernichten.
Nicht nur mein Vater war in Lebensgefahr. Wenn die Geheimpolizei seine Todeskommandos schickt, dann leisten diese gründliche Arbeit. Mann und Frau werden verschleppt, gefoltert und ermordet. Falls sie Kinder haben werden diese Kinder verkauft oder ebenfalls getötet, denn kein Geheimpolizist will mit der Angst leben, dass sich irgendwann eins dieser Kinder rächt.
Wir mussten fliehen. Deutschland gab uns politisches Asyl, doch so einfach war es nicht. Wir waren noch in Chile und wir waren umzingelt von Killern und Verrätern. Bei unserer Flucht opferte sich mein Vater, damit meine Mutter mit mir fliehen konnte. Mein Vater wurde verschleppt, bestialisch gefoltert und ermordet. Seine Leiche wurde als Abschreckung liegen gelassen. Mit seinem letzten Atemzug hat mein Vater mit seinem Blut ein „R“ aufgemalt. Das war unser geheimes Codezeichen, falls er mal von der Polizei ermordet werden sollte. Damit wir wissen, wer ihn ermordet hat. Die Flucht aus Chile war abenteuerlich. Meine Mutter versteckte mich, während sie die Flucht organisierte. Geheimpolizei und normale Polizei gingen aufeinander los, die deutsche Regierung wartete auf uns und bereitete sich auf das schlimmste vor, Amnesty International setzte sich für uns ein… meine Mutter nahm noch an der Beerdigung meines Vaters teil. Bei der Beerdigung herrschte Todesangst. Geheimpolizei und Freiheitskämpfer standen sich so nah wie nie gegenüber. Jeder war bereit zu kämpfen. Das Gute gegen das Böse. Doch niemand entweihte die Beerdigung.
Meine Mutter floh mit mir zum Flughafen. Es herrschte Chaos. Die Geheimpolizei bedrohte meine Mutter und schwor ihr, sie zu jagen und uns zu töten. Der Flug nach Deutschland wurde zur längsten und gefährlichsten Reise unseres Lebens. Und ich spreche vom Jahr 1981. Meine Mutter war vorher nie geflogen, zum packen gab es keine Zeit, für Abschiede auch nicht und sie hatte keine Ahnung was sie in Deutschland erwartete.

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Wir reisten aus einem lateinamerikanischen Land, ein Land der bunten Farben und der Sonne, in ein europäisches Land, dass Deutschland genannt wurde. Es erschien uns grau und sehr kalt. Es herrschte Winter. Eine Kälte, die wir noch nie zuvor gesehen oder gar gespürt hatten. Wir konnten kein Wort Deutsch sprechen oder verstehen. Es war eine völlig fremde Kultur. Es war ein Kulturschock vermischt mit der Angst vor Killern, die jederzeit von überall auftauchen konnten.
Die deutsche Polizei bot uns eine Art Zeugenschutzprogramm an, wo wir auch unsere Namen ändern lassen konnten, doch meine Mutter entschied sich dagegen.
Ich verbrachte meine Jugend in Deutschland und auf Reisen durch Europa. Damals war Deutschland ganz anders als heute. Heute ist alles multikulturell und toleranter. Im Jahre 1981 gab es kein Internet und ein Telefonat in ein anderes Land kostete ein Vermögen. Wir hatten kein Geld, lebten in Angst und mussten lernen alleine zu überleben. Man konnte niemanden trauen. Mir wurde seit meiner Kindheit alles beigebracht, um alleine zu überleben. Ich erlebte viele unglaubliche Dinge, die manche nur aus Actionfilme oder Spionagefilme kennen.
Und in all diesen Chaos, Angst und Terror, lernte ich eine wichtige Lektion: Familie ist das wichtigste auf der Welt. Ein guter Bruder, eine liebende Mutter oder ein fürsorglicher Vater würde alles für seine Kinder tun, sich jeder Gefahr stellen und durch die Hölle gehen.
Deswegen mag ich die Serie Supernatural sehr gerne, denn sie erinnert mich stark an meine Jugend. Der Film DAS VERSPRECHEN EINES LEBENS ist auch so ein Werk, welches starke Emotionen bei mir auslöst, denn darin zeigt ein Vater, was es bedeutet zu lieben und alles für seine Kinder zu tun. Schauspieler Russell Crowe spielt so einen Vater, der in die Türkei reist, um seine Söhne zu retten. Der Film ist wirklich sehenswert. Meine Bloggerkollegen von Myofb.de und WewantMedia haben sich auch interessanten Gedanken zum Film gemacht.

Das Leben ist nicht einfach, aber was ist schon einfach im Leben. Ich vermisse meinen Vater, aber ich bin auch unglaublich stolz auf ihn, denn er lehrte mich schon früh, was wirklich wichtig im Leben ist. Meine Flucht, das Leben im Exil und das wahre Leben prägte meine ganze Persönlichkeit. Es hat einen Grund, warum ich so bin, wie ich bin. Dieser Grund ist die Liebe meines Vaters und meiner Mutter. Und diese Liebe überdauert sogar den Tod und wird für immer existieren.

Heute arbeite ich als Illustrator, Autor und Blogger in Köln. Mein Leben, meine Reisen und Begegnungen prägten auch meine künstlerische Arbeit. Im Moment arbeite ich an zwei neuen Comics (DRECKIG und YANG), wo viel von mir drin steckt. Ab jetzt werde ich euch regelmäßig über mein Leben und meine Arbeit erzählen, denn dafür sind ja Blogs da, oder? 🙂

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